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19 Jahre Knast in 6 Stunden Schule

Lebendkontrolle statt Handywecker.
Undefinierbares zerkochtes Essen statt Soulfood von Mama.
8 m2, auf denen sich das ganze Leben abspielt.
Monotonie und Tristesse drinnen während sich die Welt draußen verändert.
Der vergitterte Blick auf die Mauer gegenüber statt dem Blick in die Weite.
Kreise ziehen im Hof statt joggen im Wald.
19 Jahre lang.

Was Folgen kriminellen Handelns im Detail bedeuten und was sie mit einem Menschen machen, davon konnten sich die SchülerInnen der Klassen 10 Fwa und 10 FT der Max-Eyth-Schule auf Initiative ihrer Lehrerin Frau Dr. Esseln und in Begleitung mehrere Fachlehrer in einem zweitägigen Workshop überzeugen.

Eindrücklich und emotional bedrückend schildert Henry-Oliver Jakobs, ehemaliger Intensivtäter auf Bewährung, sein Leben.

Zoom Die erste Straffälligkeit im Alter von 7, ein Diebstahl. Es folgen organisierte Einbrüche und Fahrraddiebstähle, Jakobs Gang verkauft diese an Hafenmitarbeiter. Doch daraus wird schnell ein Modell, aus Diebstählen werden Hehlergeschäfte, bald stiehlt Jakobs nicht mehr selbst, sondern lässt stehlen. Die Auftragslisten werden länger, der Umgangston härter. Gewalt als Mittel zum Zweck, das Recht des Stärkeren, das Gesetz der Straße, das Gesetz des Kiezes. Bald schlägt man sich nicht mehr bloß mit Fäusten. Mit 16 prügelt er den ersten Menschen mittels eines Baseballschlägers für Wochen ins Krankenhaus. Er bewaffnet sich, geht ohne Messer und wenig später auch Schusswaffen nicht mehr aus der Tür, liefert sich in einem Wohngebiet am helllichten Tag eine Schießerei. Nebenbei geht er jedoch zur Schule, die Noten stimmen, der Realschulabschluss läuft. Konsequenzen? Fehlanzeige.

Sein Umfeld lässt sich täuschen, vielen fällt es schwer, das Bild, was sie von "ihrem" Oli haben, in Einklang zu bringen mit der Realität. Jahrelang geht das so, Jakobs täuscht selbst sein engstes Umfeld, Staatsanwälte und Richter. Was in ihm wächst, ist die Überzeugung, unbesiegbar zu sein, alles machen zu können. Als er mit 22 wegen organisierter Hehlerei für 7 Jahre ins Gefängnis soll, gelingt es ihm wieder, zu überzeugen. Statt Haft gibt es eine Geldstrafe und Geld hat er mehr als genug.
Und auch heute ist die Wahrnehmung ein Problem. Was er wohl beruflich mache, fragt er die Schüler zum Auftakt. "Jurist!", "Sozialarbeiter". Alles gesetzte Jobs. Einem Mörder sieht man eben nicht an, was er getan hat.

Mit 24 Jahren ist Jakobs auf dem Höhepunkt seiner kriminellen Karriere. Als er zu einem Treffen mit zwei Geschäftspartnern fährt, ist er bewaffnet und hat nur ein Ziel: Nicht Reden, schießen. Ein Mensch stirbt, ein weiterer sitzt für den Rest seines Lebens im Rollstuhl. Nach der Tat geht er seelenruhig mit seiner damaligen Frau essen, eine Woche später verhaftet ihn ein SEK.

Jakobs ist 25 Jahre alt, als er einfährt. Die ersten 5 der 19 Jahre sind geprägt von Nonkonformität, er sucht den Konflikt, übt auch Gewalt gegenüber Mithäftlingen aus. Doch die Haft im Hochsicherheitstrakt der JVA Fuhlsbüttel oder Santa Fu, wie die Insassen sie nennen, verändert ihn. Er hat viel Zeit nachzudenken, die dauerhafte Entbehrung früher als selbstverständlich hingenommener Kleinigkeiten fordern ihren Tribut. Während sich drinnen ein Tag wie der andere anfühlt, verändert sich die Welt draußen unaufhaltsam. Seine Frau lässt sich nach 5 Jahren scheiden. Sein Vater stirbt, zur Beerdigung will er nicht gehen, um Verwandten die Demütigung zu ersparen, die der Anblick eines in Fuß- und Handfesseln von schwerbewaffneten Polizisten begleiteten verurteilten Mörders wohl bei den meisten ausgelöst hätte – Opfer sind immer auch die Hinterbliebenen, die Familie, die Freunde.

Doch auch viele Freunde von früher sind mittlerweile ebenfalls tot, zu seinen Geschwistern hat er keinen Kontakt mehr. Die Besuche nehmen ab, die wenigen noch vorhandenen Sozialkontakte brechen weg. Was bleibt, ist die zunehmende Einsamkeit. Als er rauskommt, ist er hoch verschuldet. Beerdigungskosten, Krankenhausaufenthalte, die Rente für das überlebende Opfer – die genaue Höhe seiner Schulden kennt Jakobs nicht.

Die Schüler hören aufmerksam zu, sind wie gebannt. Keiner quatscht, keiner ruft rein. Die anfängliche Skepsis, ob die Situation ein Fake ist, ist der Faszination für Jakobs Erzählungen gewichen. "Ihr könnt mich alles fragen!", ermutigt sie Jakobs. Und so schonungslos offen und ehrlich, wie Jakobs über sein Leben und seine Taten spricht, so direkt und ehrlich gehen auch die Schüler das Thema an. Viele sprechen ganz offen eigene Erfahrungen mit physischer Gewalt an, einige bekennen sich offen zu Straftaten oder zum Drogenkonsum. Jakobs eröffnet auch neue Perspektiven in puncto Suchtprävention, indem er das perfide System des Drogenhandels schonungslos offenlegt.

Auf einmal erscheinen die bisherigen Idole und Helden der Schüler wie Pablo Escobar oder El Chapo in einem neuen Licht. "Es geht immer nur ums Geld. Dein Leben, das Leben anderer, zählt nicht." Brutal anschaulich verdeutlicht er dies anhand eines Beispiels, wie es in Breaking Bad oder Narcos vorkommen könnte. Langsam realisieren die Schüler, dass Gewalt viele Gesichter hat. Die detaillierten Schilderungen des Knast-Alltags wirken nach. "Der beste Freund meines Bruders sitzt auch im Knast", sagt schließlich ein Schüler ganz offen. "Ich kenn den auch gut, ich weiß, weswegen der sitzt. Das sind lauter Kleinigkeiten, Dinge, von denen ich immer dachte, das ist nicht schlimm, das könnte mir auch passieren. Jetzt sehe ich das anders."

Viele der Schüler sprechen am Abend des ersten Tages auch mit ihren Freunden oder Familien über den Workshop. Das Gehörte wirkt nach, bedarf der Reflexion. Erstmals scheint klar zu werden, dass die Opfer auch immer die eigenen Angehörigen sind. Die, denen man die Demütigung eines Gefängnisbesuches zumutet, das Gerede der Leute draußen, die Selbstzweifel, etwas in der Erziehung falsch gemacht zu haben. Nach außen von Ehre zu faseln und eine Schlägerei anzuzetteln, weil irgendeiner die eigene Mutter beleidigt hat, verträgt sich eben nicht mit der Vorstellung der Mutter, die einen verweint und gedemütigt von den Eingangskontrollen in der JVA besuchen kommt. Die Freundin oder Frau, die durch zahlreiche Schleusen muss, sich vor Fremden ausziehen muss, bis auf die Unterwäsche, teils auch gänzlich nackt.

Auch der Abgleich mit vermeintlichem Wissen aus Filmen über Verjährung von Straftaten oder die Löschung von Strafregistereinträgen hält dem Abgleich mit der Realität nicht stand. Langsam fällt der Groschen. Die Schüler sind auch Tage danach noch völlig fasziniert. "Ich hab‘ noch nie so lange ruhig da sitzen und einem Menschen zuhören können", sagt ein Schüler drei Tage später. "Das war das krasseste Projekt, was wir je hatten", sagt ein weiterer Schüler. "Endlich mal kein Sozialpädagogengelaber. Der weiß wirklich, wovon er spricht, der hat echt alles selbst erlebt".

Das Endergebnis ist klar: Kriminalität lohnt sich nicht. Der kurzzeitige Ruhm und das schnelle Geld können Folgen wie Einsamkeit, Isolation, Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit nicht aufwiegen.

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