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Wer entscheidet, wann Leben lebenswert ist?

Dieser Frage gingen insgesamt 37 Schüler und 3 Lehrer des Beruflichen Gymnasiums der Max-Eyth-Schule bei einer Exkursion nach Hadamar nach. Begleitet von einigen spanischen Austauschschülern und deren Lehrer Herrn Kaltenhäuser machten sich die Schüler der Geschichtskurse Lämpe, Reibold und Roghmans unter Begleitung von Frau Dr. Esseln, Herrn Gaul und Herrn Roghmans am vergangenen Freitag auf den Weg in den Westerwald.

In der trügerischen Kleinortidylle angekommen wurde in zwei Workshops der historische Hintergrund der Euthanasie-Morde der Nazis, die unter dem Decknamen T4-Aktion (kurz für Tiergartenstraße 4, der Adresse der Verwaltungs- und Aufsichtsbehörde, die die Morde koordinierte) in Hadamar verübt wurden, erforscht. Durchgeführt wurde die Veranstaltung von zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte Hadamar.

Eingangs lernten die Schüler nach welchen Kriterien ein Menschenleben im 3. Reich als "lebensunwert" erachtet wurde. Neben "eingestuften" körperlichen Behinderungen wie Epilepsie oder Huntingtonscher Chorea galten auch aus heutiger Sicht kaum nennenswerte Einschränkungen wie Taubheit und Blindheit als hinlänglich ausreichend, ein Menschenleben mittels eines rudimentären Fragebogens, der zu 50% aus persönlichen Angaben der Opfer bestand, zu beenden. Jedoch konnte auch ein unkonventioneller Lebenswandel, wie häufig wechselnde Männerbekanntschaften oder die Tatsache, einen nahen Angehörigen mit Behinderung zu haben, das Todesurteil bedeuten. Die Entscheidung fiel in Berlin, lediglich ein in der Distanz lapidar handschriftlich vermerktes Plus oder Minus auf dem Bogen entschied über Leben oder Tod der „Patienten“.

In Kleingruppen sollte die Anschaulichkeit der Gräueltaten für die Schüler greifbarer werden. Zu zweit sammelten sie Infos zu Tätern wie Opfern, die sie in Form von Kurzpräsentationen an verschiedenen Stationen der Anlage, die heute eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie unter der Leitung des Klinikverbundes Vitos ist, vortrugen. Das Ausmaß der T4-Aktionen wurde an jeder Station anschaulicher. Ausgangspunkt der Kurzpräsentationen waren die Busgaragen, an denen die "Patienten", viele von ihnen physisch wie psychisch kerngesund, ankamen.

Gaskammer im 'Historischen Keller'ZoomGaskammer im 'Historischen Keller' Gaskammer im 'Historischen Keller'ZoomGaskammer im 'Historischen Keller' Wie Vieh wurden sie durch Schleusen in den Gebäudekomplex verbracht, jedoch erst, nachdem die Tore hinter ihnen verschlossen worden waren – eine letzte Flucht war somit ausgeschlossen. Im "Historischen Keller" der Anlage wird das Ausmaß der brutalen Taten unwiderruflich klar: Die pervertierte Effizienz des Tötens findet sich in jedem noch so kleinen baulichen Detail. Von schalldichten Stahltüren zu den Gaskammern, in denen die Menschen qualvoll mithilfe von Kohlenmonoxid vergast wurden über ein Gefälle im Boden, welches mithilfe eines speziellen Estrichs zum schnellstmöglichen Abtransport der Leichen hin zu den Brennöfen sorgte. Die Schüler sind betroffen. Auch, wenn die Öfen nach der ersten zentralen Mordphase nach 1941 abgetragen wurden, die Umrisse und die flaschenzugähnliche Konstruktion an der Decke vermitteln einen nachhaltigen Eindruck dessen, was dort passierte.

In der zweiten Mordphase die sich bis 1945 erstreckte wurden die Patienten die vorerstweiterleben durften, Zeugen und Opfer der Grausamkeit der nun folgenden dezentralen Tötungsaktionen zugleich.

"Schließlich wurde der arbeitsteilige und damit in der Verantwortung aufgeteilte Massenmord in der Gaskammer abgelöst durch den individualisierten, vom Täter eigenhändig ausgeführten Mord mit überdosierten Medikamenten, die in Tablettenform oder als Injektion verabreicht wurden. Gleichzeitig starben Patientinnen und Patienten an gezielter Mangelernährung oder vorenthaltener medizinischer Versorgung" (siehe: http://www.gedenkstaette-hadamar.de )

Friedhof, Gedenkstätte HadamarZoomFriedhof, Gedenkstätte Hadamar Patienten wurden gezwungen, Handlanger der Täter zu werden, die Massengräber auszuheben oder die sich aufbäumenden Sterbenden festzuhalten, sodass die Täter mittels nächtlicher Medikamentenverabreichung ihr grausames Werk vollenden konnten.

154 Stufen führen hinauf zum "Friedhof", wo die Nazis durch gezielt platzierte Einzelkreuze für Luftaufnahmen den Anschein einer Ruhestätte einiger Weniger schufen – in Wirklichkeit handelte es sich um Massengräber. "Also stehen wir hier quasi auf Leichenbergen!" Die Schüler sind bedrückt, die friedvolle Atmosphäre täuscht.

Dass die Täter keine Reue zeigten dokumentieren ihre Aussagen vor Gericht hinlänglich. "Vor mir steht immer noch der Arzt. Über jeden Brustwickel, jeden Verband, jeden Einlauf entscheidet er." Die Aussagen Pauline Kneisslers, einer Täterin der zweiten Mordphase, sowie das Herunterspielen der eigenen Schuld und Verantwortung, machen fassungslos. Dass die Täter nach Kriegsende reihenweise begnadigt wurden, dokumentiert die enorme Schwierigkeit der Entnazifizierung.

Die Schüler waren zum Abschluss der Begehung sehr ruhig und nachdenklich. Vielen waren die Nazigräueltaten nicht so bewusst, wie nun. Die Idee des Mahnens und Erinnerns scheint lebendiger denn je.

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