Das „THEATERmobileSPIELE“ aus Karlsruhe gastierte am Freitag, den 7.11.2025, mit zwei Aufführungen an unserer Schule. Das kleine aus zwei Schauspielern bestehende Ensemble brachte in der Aula Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“, ein Lustspiel in 13 Auftritten, zweimal zur Aufführung. Für das „Klassenzimmertheater“, das nach eigenem künstlerischem Selbstverständnis auf eine „intime Spielsituation“ Wert legt, Normalität aufbrechen und „Alltagsräume verwandeln“ will, wurde der Jahrgang der 12. Klasse des Beruflichen Gymnasiums, sieben Deutschkurse, in zwei Gruppen aufgeteilt. Von dem romantischen Imperativ „Poetisiert Euch!“ hatten alle Schülerinnen und Schüler schon gehört, Kleists Theater war für die meisten eher Neuland.
Das komplexe Bühnengeschehen erforderte von den beiden Schauspielern einen ständigen, raschen Rollenwechsel. Sie schlüpften unter Einsatz von Masken in acht verschiedene Rollen, zum Teil ließen sie auch Puppen sprechen (für den Part von Eve und Marthe Rull sowie von Ruprecht und Veit Tümpel): Gerichtsschreiberin Licht und Gerichtsrätin Walter (im Original männliche Figuren) fungierten überwiegend via Bildschirm als kritische Beobachter der Gerichtsverhandlung. Die Interaktionen blieben durch das Bühnenbild und die Dauerpräsenz der Puppen auf der Bühne übersichtlich. Dorfrichter Adam hat bei Kleist den unmöglichen Spagat zu vollziehen, dass er vor den Augen des Revisors seine eigene Untat aufzuklären hat, die er doch eigentlich geheim halten und vertuschen will. Täter und Richter sind also eins. Die Zuschauer können nun beobachten, wie sich Adam langsam im Netz seiner Lügen und Ausreden immer mehr verfängt. Er erpresst Eve zu Beginn des Gerichtstermins; sie soll verschweigen, dass er sie zu sexuellen Handlungen nötigen wollte, um damit ihren Geliebten Ruprecht von einem angeblichen Militäreinsatz im fernen Ostindien/Batavia „freizukaufen“. Der eifersüchtige Freund, der am Vortag abends in das Zimmer stürmte und so die Umsetzung von Adams frevelhaften Absichten unterband, hatte den flüchtigen Nebenbuhler zwar verletzt, aber nicht erkennen können. – Eve erträgt es am Ende nicht, dass ihr Freund und Retter verurteilt werden soll, und nennt den wahren Täter: Dorfrichter Adam, der durch die Wunden am Kopf, das Fehlen der Perücke und seinen Klumpfuß von Beginn an verdächtig ist, ergreift schließlich vorschnell die Flucht.
Der Einsatz von Puppen erscheint überaus geglückt, sind doch für den ungarischen Literaturwissenschaftler Laszlo F. Földényi Kleists Figuren ganz grundsätzlich „Übermarionetten“. Neben der Dimension des Unmöglichen, dem eigentümlichen Schwerpunkt kleistscher Figuren, kommt vor allem das „Außermoralische“ (Ruth Ewertowski) zum Tragen; denn der Dorfrichter soll nach dem finalen Willen von Gerichtsrat Walter zwar abgesetzt, aber zurückgeholt werden und weiterhin einen Platz und eine Aufgabe erhalten. Ganz wie in der biblischen Urgeschichte bedeuten Adams Fall und Vertreibung aus dem Paradies nicht Schutzlosigkeit und völlige Verbannung – Adam und Eva erhalten von Gott Kleider und später schützt das Kainsmal den Brudermörder vor der Blutrache. Dem berühmten Kant-Diktum, dass „aus so krummem Holz, als woraus der Mensch gemacht ist, nichts ganz Gerades gezimmert werden kann“ würde Kleist wohl ohne Zögern zustimmen; ansonsten bleiben die unvollkommenen Institutionen bestehen, bewahren sie doch vor dem völligen Chaos.
Durch die Inszenierung erhielt eine alte Handlung (die Gerichtsverhandlung in Huisum von 1685) ungeahnte Aktualität. Auch scheint der Aufführungstermin sehr passend; der 7.11. ist der internationale Tag gegen Gewalt und Mobbing in der Schule: „Der zerbrochne Krug“ stellt ein frühes „Me-too“-Theaterstück dar, das die Abgründe der patriarchalen Ordnung offenlegt. Kleist sucht vergebens nach wirklicher Heilung, Versöhnung oder Eindämmung von Gewalt. Ihm scheinen die Institutionen unfähig, auf Verletzungen oder Schuld zu antworten; Kleist stellt aber präzise dar, wie sich die Schuld der Täter in Leid umwandelt.
Auf dem Boden der Bühne war ein riesiges menschliches Auge zu sehen. Im Laufe des Stücks wurden viele Aktenordner, die einen Teil des Bühnenbildes ausmachten und die Bühne zum Backstage-Bereich begrenzten, herausgenommen und abgebaut: Das Auge blieb immer in Teilen verdeckt: Kleists Auge sieht keine Erlösung; nach der Selbstentblößung Adams möchte es wohl keine weiteren menschlichen Abgründe wahrnehmen. Kleists Auge kann aber die es bedrängenden Phänomene nicht auf Abstand halten. Während heute eine Ökonomie der Aufmerksamkeit und mediale Ruhephasen gefordert werden, ist Kleist gerade von der übergroßen Direktheit ästhetischer Eindrücke fasziniert; Kleist beschwört in extremen Konstellationen immer wieder die aberwitzigsten Handlungen seiner Protagonisten herauf.
Schon zeitgenössische Schauspieler hielten Kleists Stücke für schwer spielbar. Im Gespräch mit den Schauspielern interessierten sich die Schülerinnen und Schüler vor allem für die Hintergründe der Aufführungspraxis, die Vorbereitung, den Zeitaufwand der Proben und die Ausbildung zum Schauspieler. Die enorme Energieleistung der Schauspieler, die 75 Minuten im Dauereinsatz waren, imponierte allen.
